Laufschuh-Analyse mit Runscribe Plus

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In meinem High-Tech-Arsenal schlummern seit über drei Jahren die Runscribe-Plus-Footpods. Nach dem letzten Update habe ich sie mal wieder hervor geholt, ein wenig getestet und sogar (endlich) eine Anwendung dafür gefunden.

Runscribe Plus

Die Geschichte der Runscribe-Pods startet 2015 mit einer Kickstarter-Kampagne. Schon damals ging es um zwei Footpods (einen pro Fuß), die über Beschleunigungssensoren, Gyroskope und Magnetometer eine enorme Datenmenge zur Laufbewegung ausspucken konnten.

Zwei Jahre später folgte die zweite Generation der Sensoren: Runscribe Plus. Mittlerweile waren die zugehörige App und die Web-Plattform deutlich erwachsener geworden. Der Entwickler (es scheint zumindest lange Zeit ein Ein-Mann-Projekt gewesen zu sein) hat fleißig neue Funktionen ergänzt und Fehler behoben. Trotzdem war die ganze Plattform eher in einem Alpha- als in einem Beta-Stadium: jedes zweite Update brachte mehr neue Fehler als Verbesserungen mit, so dass man mit den Runscribe-Pods höchstens ein wenig experimentieren konnte. Eine verlässliche Datenquelle sieht sicherlich anders aus. Daher sind sie bei mir auch lange Zeit ungenutzt im Schrank gelandet.

Aber: das System hatte immer schon großes Potential. Anfang 2019 verlegte man seinen Geschäftsbereich dann mehr auf B2B und versuchte bei Kliniken und Ärzten Fuß zu fassen. Das Produkt war für Endkunden nicht mehr über den Shop zu beziehen. Das hat sich mittlerweile wieder geändert, was wahrscheinlich auch an der großen Anwender- und Fangemeinde liegt, die sich weiterhin im Forum austauscht. Wer will, kann die Footpods also wieder für stolze 399$ im Runscribe-Shop erwerben. ;)

Kurzbeschreibung der Funktionen

Das hier soll kein Review werden, daher fasse ich mich kurz. Das System besteht aus zwei Footpods, die mittels Halterung entweder an der Ferse des Laufschuhs oder an der Schnürung befestigt werden – wobei die Schnürung mittlerweile deutlich präferiert wird.

Grundsätzlich zeichnen die Pods selbstständig auf und werden nach dem Lauf über die App ausgelesen. Die Daten landen über den Weg auf der Web-Plattform. Über ein Connect-IQ-Datenfeld lassen sich auf Garmin-Uhren allerdings auch Live-Daten während des Laufs anzeigen.

Erfasst werden: Efficiency (Stride Rate, Contact Time, Flight Ratio), Motion (Footstrike Type, Pronation, Pronation Velocity), Shock (Impact Gs, Braking Gs), Symmetry, und Power (übrigens: mit Werten sehr, sehr nah am Stryd!). Das sind aber eher die übergreifenden Kategorien, denn in der Laufauswertung sind nicht weniger als 46 (!) Parameter erfasst. Diesen werde über einen 9-Achsen-Sensor 500 Mal in der Sekunde erfasst. Schon bei einem einzelnen, kurzen Lauf kommt also eine extreme Messpunktdichte zusammen.

Laufschuh-Analyse

Ich habe die Runscribe-Plus-Sensoren wieder hervor geholt, weil ich die Shoe Ride Visualizations spannend fand. Das ist eine grafische Repräsentation der Bodenkontaktpunkte und der Geschwindigkeit, mit der man sich über diese Punkte bewegt.

Daneben gibt es noch die Shoe Prints – eine sehr ähnliche Grafik, bei der es aber um den „Shock“ geht. Wie hoch war also Druck, den der Schuh an welcher Stelle während der Abrollbewegung auf den Boden ausgeübt hat. Auch hier ist wieder ablesbar, wo und wie man mit dem Schuh auf dem Boden aufsetzt und sich wieder abdrückt.

Als drittes Diagramm kann man sich auch noch die Ride Plots ansehen, in denen die gelbe Kurve die vertikale Bodenreaktionskraft in Vielfachen des Körpergewichts angibt, während die rote Kurve die Winkelgeschwindigkeit der Abrollbewegung zeigt.

Daneben gibt es noch sechs Metriken, deren Werte mehr oder minder direkt mit dem getragenen Schuh zusammenhängen. Shock ist die zusammenfassende Bewertung der vertikalen Kräfte (Impact Gs) und der horizontalen Bremskräfte (Breaking Gs). Dann bewertet Runscribe den Fußaufsatz (Footstrike) mit einer Zahl, die zwischen Fersen- (0-5), Mittelfuß- (6-10) und Vorfußaufsatz (11-15) unterscheidet. Und auch die Pronationsbewegung wird über zwei Parameter beschrieben: Pronation Excursion beschreibt den Pronationswinkel, während Max Pronation Velocity die Geschwindigkeit dieser Bewegung angibt.

Test-Setup

Über diese drei Grafiken und sechs Metriken wollte ich einfach mal herausfinden, ob sich dadurch mein total subjektives Wohlfühlen in einem Laufschuh „messen“ lässt. Kann ich also über diese Messwerte objektiv ermitteln, wie gut ein Laufschuh zu mir und meiner Laufbewegung passt? Meine Vorstellung von gut wäre in diesem Zusammenhang ein Fußaufsatz eher Richtung Vorfuß, geringe Aufprallkräfte (Shock) und vielleicht auch eine leichte Stabilisation meiner Pronationsbewegung.

Erfasst habe ich ausserdem das Gewicht der Testschuhe und deren Sprengung. Ich habe schon länger den Verdacht, dass ich mit einer geringen Sprengung besser zurecht komme, konnte bisher aber noch nie so richtig den Finger darauf legen.

Benutzt habe ich nur das halbe Runscribe-System, denn es gab da ein ganz praktisches Problem: am linken Schuh wohnt mein Stryd und macht eine zusätzliche Befestigung eines weiteren Footpods, ohne dass sie sich berühren und dadurch gegenseitig negativ beeinflussen, quasi unmöglich. Mir waren Symmetrie-Effekte für die Tests auch eigentlich egal, daher habe ich nur den rechten Runscribe Plus benutzt. In Testläufen mit beiden Sensoren ist auch zu sehen, dass ich doch sehr symmetrisch laufe, dieser Faktor also kaum ins Gewicht fällt.

Alle Testläufe waren Grundlagenläufe in halbwegs flachem Gelände und auf befestigten Wegen. Ok, den einen Trail-Schuh habe ich im Gelände bewegt. Ich habe für die Ergebnisse jeweils nur einen Lauf heran gezogen und da im Zweifelsfall auch nur die erste halbe Stunde, um möglichst vergleichbare Bedingungen zu haben. Weitere Testläufe zeigen aber, dass die Abweichungen in den Werten unter anderen Bedingungen (Dauer, Höhenmeter, Geschwindigkeit) eher gering sind. Der Charakter der Abrollbewegung in einem bestimmten Schuh lässt sich nach meinem Gefühl über nur einen kurzen Lauf also bereits ziemlich gut erfassen. Wissenschaftliche Genauigkeit ist ja auch nicht mein Ziel gewesen. Ich wollte einfach nur heraus finden, ob man in den Zahlen überhaupt einen Sinn entdecken kann.

Ergebnisse

Ich bin mal so gemein und zeige die Grafiken ohne Zuordnung zu den Schuhmodellen. ;) Nur so viel sei verraten: die Tabelle ist von links nach rechts nach „Gefallen“ sortiert. Ganz links steht also mein Lieblingsschuh, rechts der Schuh, mit dem ich am wenigsten anfangen kann. Also… bezogen auf die Schuhmodelle, mit denen ich in letzter Zeit unterwegs war.

Dargestellt ist (wie oben erwähnt) immer nur der rechte Fußabdruck. Könnt ihr daraus etwas ablesen? Ich hatte mir ehrlich gesagt auch mehr davon versprochen… Was ich meine zu erkennen ist eine Tendenz, dass die hellen Farben (höherer Impact) eher weiter rechts vorkommen und auch die Größe (Länge bzw. Fläche) der erfassten Zonen nach rechts eher zunehmend ist. Auffällig ist auf jeden Fall, dass ich im hinteren Drittel eher die „langen Abdrücke“ mit einem Ansatzpunkt relativ weit zur Ferse hin finden.

Die reinen Zahlen sprechen da schon eine deutlichere Sprache. Was mir sofort ins Auge gesprungen ist: die Schuhe sind fast ausnahmslos nach Sprengung sortiert. Wie gesagt: die Sortierung orientiert sich eigentlich an meiner Vorliebe. Ich sehe eine große Korrelation zwischen Sprengung, Aufprallkräften und Fußaufsatz. Je weniger Sprengung, desto geringer sind die Kräfte und desto vorfußlastiger ist mein Aufsatz.

Oder vereinfacht gesagt: meine persönlichen Vorlieben scheinen sich sehr gut mit der Datenlage zu decken.

Bewertung

Ehrlich gesagt ist bei meiner kleinen Messreihe mehr heraus gekommen, als ich dem anfangs zugetraut hätte. Es sieht so aus, als ließen sich meine Vorlieben bei Laufschuhen ganz gut mit Zahlen belegen. Trotzdem gab es auch Überraschungen für mich. Ein Schuh, der mir gerade echt gut gefällt, steht eher im hinteren Drittel der Tabelle und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass ich deutlich weiter Richtung Ferse lande. Die Zahlen sprechen gegen ihn, aber trotzdem laufe ich sehr gerne mit dem Schuh. Sollte ich das nicht tun? Bedeutet ein höherer Shock auch eine höhere Verletzungswahrscheinlichkeit?

Strich drunter

Auch wenn mir solche Zahlen viel Spaß machen, würde ich im Zweifelsfall doch eher auf meinen Körper hören. Scheinbar liege ich damit zumindest bei der Schuhwahl gar nicht so schlecht. Und solange es keine eindeutigen Belege dafür gibt, dass bestimmte Zahlenwerte ganz konkrete negative Auswirkungen auf das Laufen für mich haben, werde ich sicher auch beim Körpergefühl bleiben.

Trotzdem finde ich es spannend über die Runscribe-Plus-Pods ein Tool zu haben, mit dem ich mein subjektives Empfinden mittels objektiver Werte überprüfen kann. Ich werde sicher weiter damit experimentieren und einigen Fragestellungen nachgehen. Lassen sich zum Beispiel Unterschiede zwischen verschiedenen Generationen des gleichen Schuhmodells erkennen? Oder lässt sich nachvollziehen, ab wann ein Schuh durchgelaufen ist?

Spannend ist übrigens auch die große Schuhdatenbank auf der Runscribe-Website. Dort sind Benutzerdaten zusammengefasst und ergeben Ranglisten nach verschiedenen Eigenschaften der Schuhe. Besonders wenig Shock hat zum Beispiel der Nike Vaporfly, aber auch der Skechers GORun 7. Auch der Kinvara schneidet da sehr gut ab.

A propos: ich habe die Zuordnung meiner Testschuhe noch gar nicht aufgelöst. ;) Hier ist also die komplette Tabelle.

    1. Erstmal wird das Dingens wohl noch eine Zeit lang am Schuh bleiben. ;) Ich könnte Dir den nicht benutzten Pod zwar leihen, aber es gibt nur ein Ladegerät (proprietär). Ich denke mir was aus. :)

  1. Ein sehr guter Bericht. Danke dafür.
    Ich habe auch diese Sensoren und finde die Ergebnisse sehr interessant. Besonders interessieren mich der Fussaufsatz und die Fußdrehung…ich bin Überpronierer.
    In letzter Zeit stelle ich jedoch fest, dass die Sensoren nicht den gesamten Lauf aufzeichnen. Heute zum Beispiel wurden von den 11 km lediglich etwas mehr als 3 km analysiert. Die Gesamtheit passt jedoch…nur eben nicht die Gesamtkilometer. Ich nutze die App auf dem IPhone. Hast du eine Idee, was ich falsch mache?

    Gruß Volker

    1. Hi Volker, wenn die Zeit passt, die Kilometer aber nicht, würde ich das einfach von Hand korrigieren. Bei den nächsten Läufen sollte es dann wieder besser passen.

      1. Ok…vielen Dank für den Tipp. Hast du die Sensoren von Evalu mal getestet? Ich habe jetzt gar nicht weiter bei dir nachgesehen, ob du zu diesen Teilen mal was geschrieben hattest.

        Bleib gesund und mach weiter so.

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Ich bin der Harlerunner

Hier schreibt Thomas Pier über das Laufen und (deutlich mehr als nur die notwendige) Ausrüstung. Ich laufe weder besonders schnell noch weit. Aber ich teile gerne meine Erfahrungen, die ich als ambitionierter Freizeitläufer, neugieriger Early-Adopter und als mein eigener Trainer sammele.

Ich freue mich über jede digitale Kontaktaufnahme - noch mehr allerdings über jeden gemeinsam gelaufenen Kilometer.

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