„Running Rewired“ von Jay Dicharry

In meiner beachtlichen Laufbuch-Sammlung gibt es nur eine kleine Abteilung von Büchern, zu denen ich immer mal wieder greife. „Running Rewired“ von Jay Dicharry gehörte eigentlich nicht dazu…

Hinweis: Das Buch habe ich ganz normal im Laden gekauft. Der Beitrag ist frei verfasst und gibt ausschließlich meine persönlichen Erfahrungen wieder.

Die Idee: neu verkabeln

Neben Kelly Starrett scheint Jay Dicharry ein weiterer, in den USA sehr bekannter Physiotherapeut zu sein, der sich den Problemen der Läufer angenommen hat. Doch sein Ansatz unterscheidet sich deutlich von anderen, denn er will nicht an Kraft oder Beweglichkeit arbeiten, sondern an der Fähigkeit, sich gut zu bewegen.

Dazu ist es seiner Meinung nach notwendig, Bewegungsmuster (neu) zu erlernen und letztendlich das Gehirn zu trainieren, neue „Verkabelungen“ zu schaffen – also die Muskeln besser anzusteuern. Das sei insbesondere dann hilfreich und notwendig, wenn sich zum Beispiel durch eine Verletzung und damit einhergehende Schonhaltungen schlechte Bewegungsmuster ergeben haben. Es nütze dann nichts, Muskeln zu kräftigen oder Gelenke und Sehnen wieder in Ordnung zu bringen, wenn die „Verkabelung“ nicht stimmt und man in den falschen Mustern verbleibt.

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Ein Beispiel aus der eigenen Praxis: nach dem Umknicken mit dem linken Sprunggelenk, wird die bisher optimale „Verkabelung“ durch eine Schonhaltung ersetzt. Der Fuß wird mehr auf der Innenkante aufgesetzt und die Schritte werden kleiner und vorsichtiger. Selbst wenn die Verletzung überwunden ist, greift dieses Muster noch weiter, obwohl dafür ja eigentlich kein Grund mehr besteht. Nach Jay Dicharry geht es dann vor allem darum, die „Verkabelung“ so zu ändern, dass sie wieder wie vor der Verletzung funktioniert.

Die Umsetzung

In seinem Buch nimmt er sich einige Seiten Zeit, die Voraussetzungen für die optimale Laufbewegung zu beschreiben. Was mir an dem Buch besonders gefallen hat: das bleibt alles nicht graue Theorie! Schon sehr früh fügt er kleine Selbsttests ein und gibt konkrete Hinweise, welche Teile des Buches und der enthaltenen Übungen entsprechend des Ergebnisses für den Leser wirklich relevant sind. Da wird zum Beispiel die Hüft- oder Sprunggelenksmobilität überprüft, um die grundsätzliche Körperhaltung abzuklopfen.

Die weiteren Kapitel beschäftigen sich dann mit der Körperrotation beim Laufen, dem Abdruck, der Ausrichtung der Gelenke oder der Körperspannung. Diese Abschnitte sind eine Mischung aus Hintergrundwissen und der genauen, bebilderten Beschreibung der zugehörigen Übungen.

Das letzte Drittel des Buches widmet sich dann konkreten Trainingsplänen, in denen die vorgestellten Übungen sinnvoll kombiniert werden. Jay Dicharry unterscheidet dabei zwischen „Precision Workouts“, die langsam und mit Bedacht ausgeführt werden, um diese Muster ins Muskelgedächtnis zu übernehmen, und „Performance Workouts“, bei denen es mehr um Kraftaufbau und Muskelrekrutierung geht.

Innerhalb dieser Gruppen wird dann noch nach den nötigen Werkzeugen unterteilt. Neben dem Körpergewicht kommen recht schnell Widerstandsbändern, Kettlebells, Sling-Trainer oder Bälle zum Einsatz.

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Praxiserfahrungen

Das Buch hatte bei mir wirklich schon etwas Staub angesetzt. Nach dem ersten Lesen bin ich gar nicht in die Praxis gekommen, weil es dafür keinen konkreten Anlass gab. Mit meiner ISG-Piriformis-Problematik in den letzten Monaten hatte sich das aber natürlich geändert und das Buch damit deutlich an Relevanz gewonnen. ;)

Ich habe die ersten Übungsprogramme über Wochen als einziges Training durchgeführt, während ich eine Laufpause eingelegt hatte. Und es wurde sehr schnell klar, dass ich an vielen Defiziten sehr gut arbeiten kann.

Teilweise gab es deutlich Kraftunterschiede zwischen links und rechts, aber auch Koordinations- und Gleichgewichtsübungen haben mich sehr schnell an meine Grenzen gebracht.

Gleichzeitig haben sich hier aber auch schnell Erfolge eingestellt und es haben sich viele „Lieblingsübungen“ heraus kristallisiert, die mich sicher als Läufer weiter gebracht haben und die ich auch zukünftig in mein Training integrieren werde.

Meine Meinung

Ich würde das Buch vor allem Läufern empfehlen, die nach einer Verletzung Probleme haben, wieder ins normale Training zurück zu finden, weil es irgendwie „nicht mehr rund läuft“.

Unabhängig davon ist die Einübung von „sauberen“ Bewegungsmustern sicher für jeden Läufer sinnvoll und gewinnbringend. Das Buch enthält viel Hintergrundwissen und gut durchführbare Übungen, die sich größtenteils deutlich von bekannten Standards unterscheiden.

Neben der hier vorgestellten englischen Version „Running Rewired“ * gibt es mittlerweile auch eine deutsche Ausgabe „Enfesselt laufen“ *. Beide Bücher sind natürlich über den Buchhandel oder bei Amazon erhältlich und kosten ca. 25 Euro.

  1. Hallo Thomas,

    danke für die Buchempfehlung. Und für die Videos.

    Ich bin ja immer auf der Suche nach neuen Übungen für Läufer.

    Die Übungen sehen gut durchführbar aus. Die werde ich bestimmt mal ins Training mit meiner Laufgruppe einbinden.

    Und wer weiß. vielleicht bekomme ich ja auch das eine oder andere eigene Zipperlein damit beseitigt.

    Viele liebe Grüße
    Andrea

    1. Hallo Andrea, da sind so einige Übungen dabei gewesen, die mich wirklich sehr gefordert haben, obwohl sie so schwer gar nicht sind. Manchmal muss einfach nur die richtige Übung dabei sein… ;)

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Ich bin der Harlerunner

Hier schreibt Thomas Pier über das Laufen und (deutlich mehr als nur die notwendige) Ausrüstung. Ich laufe weder besonders schnell noch weit. Aber ich teile gerne meine Erfahrungen, die ich als ambitionierter Freizeitläufer, neugieriger Early-Adopter und als mein eigener Trainer sammele.

Ich freue mich über jede digitale Kontaktaufnahme - noch mehr allerdings über jeden gemeinsam gelaufenen Kilometer.

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