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Einen Halbmarathon einfach so aus dem Training heraus laufen? Eigentlich verrückt. Aber in diesem Fall hat es sich gelohnt.

Nachdem ich bei meinem letzten 10-km-Wettkampf eine neue Bestzeit gelaufen war, ohne mich speziell dafür vorbereitet zu haben, hat mich die Neugier gepackt. Sollte ich etwa immer noch von der Form, die ich mir für meinen ersten Halbmarathon vor gut sechs Wochen erarbeitet hatte, profitieren können?

Die Rechenspiele in Runalyze gehen immer noch davon aus, dass ich die 21.1 km in 1:43:51 h laufen könnte – nach den Tabellen von Jack Daniels und unter Einbeziehung meiner aktuellen Grundlagenausdauer. Herbert Steffny würde mir sogar 1:41:58 h zutrauen, auf Basis des 10ers vor drei Wochen. Beides fand ich übertrieben. Gleichzeitig ging ich aber schon davon aus, dass ich beim ersten Halbmarathon nicht voll an die Reserven gegangen war.

Lange Rede kurzer Sinn: aus dem Gedankenspiel in den nächsten Wochen irgendwann noch mal einen Halbmarathon zu laufen, wurde sehr schnell Realität. Letzte Woche habe ich mich noch mit einem Freund darüber unterhalten, der kannte einen Wettkampf ganz in der Nähe und ich habe mich angemeldet.

Vorbereitungen

Ich war spät dran mit dem Packen meiner Sporttasche. Aber langsam habe ich ein ganz gutes Gefühl dafür, was ich wohl brauchen werde. Trotzdem war ich erst ca. 40 Minuten vor dem Rennen vor Ort. Der ausgewiesene Parkplatz war nicht ganz um die Ecke und der Weg zum Startbereich nicht ausgeschildert. Ausserdem wartete eine lange Schlange an der Startnummern-Ausgabe. Das würde echt knapp… Fünfzehn Minuten vor dem Rennen habe ich meine Wertsachen abgegeben und mich noch schnell ein wenig eingelaufen. Kaum im Startbereich angekommen wurde auch schon runter gezählt. Hatte ich überhaupt alles dabei?

Los geht’s!

Obwohl das Starterfeld mit 71 Läufern relativ klein war, hatte ich mich viel zu weit hinten eingeordnet. Der erste Kilometer führte auf schmalen, verschlungenen Wegen durch den Wald, also war das Überholen schwierig. Aber ich habe meine Position dann relativ schnell gefunden und war mit einem Grüppchen unterwegs, das etwa 5:00 min/km lief – etwas schneller als geplant.

Ausserhalb des Waldes führte die Strecke immer sehr lange geradeaus. Zum Glück kam der Wind die ganze Zeit von der Seite. Kleine Highlights waren das Durchlaufen eines alten Sägewerks und ein Wendepunkt wegen einer Streckensperrung. So konnte ich sehen, wer vor und nach mir unterwegs war. Zum Ende der ersten Runde gab es eine kleine „Steigung“ – wenn man das auf der ansonsten topfebenen Strecke so nennen kann. Nach fast zehn Kilometer in dem Tempo war das aber schon spürbar.

Zweite Runde

Tiergartenlauf Velen 2015

Tiergartenlauf Velen 2015

Der Plan war ja ein Tempo von 5:05 min/km in der ersten Runde und 4:53 min/km in der zweiten. Damit wäre eine Zielzeit von 1:45 h möglich gewesen. Nach der ersten Runde zeigte die Forerunner 225 aber schon einen Schnitt von 4:59 min/km an… Trotzdem zog ich das Tempo etwas an und lief damit aus dem Schutz der Gruppe heraus. Ich überholte nach und nach ein paar einzelne Läufer, aber die nächste Gruppe war zu weit weg.

Am Wendepunkt bei Kilometer 16 lief es nicht mehr so gut bei mir. Zumindest hatte ich einen kleinen Tiefpunkt und leichte Magenprobleme. Ich ließ es etwas lockerer gehen. Doch meine Beine fühlten sich weiterhin viel zu schwer an und ich schaffte es auch nicht mehr mein Gedankenkarussell anzuhalten.

Von hinten hörte ich die Gruppe wieder aufschließen. Der (ich vermute mal) Trainer der Läufer vom SV Lembeck sagte gerade an, dass bei dem Tempo eine 1:45 möglich sein würde. Also fragte ich nach, ob ich mich dranhängen dürfe. Klar durfte ich das. Insgesamt waren wir nun (wieder) zu fünft und ich hatte sofort wieder viel Energie. Es fühlte sich fast so an, als wären wir noch auf der ersten Runde. Immer wieder motivierte der Trainer seine Crew dran zu bleiben, durchzuhalten oder vielleicht noch etwas drauf zu legen. Bei der leichten Steigung (KM 19) ließen die ersten aber etwas abreißen.

Ziel

Mir flüsterte er zu, ich solle nochmal Gas geben – sonst würde ich die 1:45 verschenken. Beim Gedanken daran bekomme ich jetzt noch feuchte Augen, denn er sollte Recht behalten. Dass er mir zutraute genug Reserven für die letzten Kilometer zu haben, hat mich noch mal richtig beflügelt. Ganz alleine flog ich dem Ziel entgegen. Leichte muskuläre Probleme an der linken Hüfte kompensierte ich durch kürzere Schritte und eine höhere Schrittfrequenz.

Auf dem letzten Kilometer wurde mir durch den Blick auf meine Zeit klar, dass es knapp werden würde. Also gab ich noch mal alles. Wirklich alles. Mit einer Pace von 3:54 min/km überquerte ich die Ziellinie – nach 1:44:43 h (offiziell: 1:44:49,9 h)! Der Hammer… Ich bin immer noch überglücklich.

Tiergartenlauf Velen 2015 - Urkunde

Tiergartenlauf Velen 2015 – Urkunde

Wahrscheinlich sah ich danach aber nicht aus, als ich im Zielbereich Frau und Tochter in die Arme lief. Ich war echt platt... Nach einem Isodrink habe ich schnell meine Tasche geholt und mich warm angezogen. Dann habe ich gerade noch den Zieleinlauf meine Freundes beim 10-km-Rennen gesehen und wir haben uns noch einige Zeit unterhalten können. Dabei habe ich auch einen „Runtastic-Freund“ persönlich kennengelernt, der beim Halbmarathon sogar auf’s Treppchen in unserer Altersklasse kam. Ich hatte es ja gerade verpasst.

Tiergartenlauf Velen 2015

Tiergartenlauf Velen 2015

Nachwehen

Zuhause musste ich mich nach einer heißen Dusche erstmal hinlegen. Mein Körper brauchte eine gute Stunde Ruhe und viel Wasser und Essen, um sich halbwegs zu fangen. Ich war wirklich so fertig, dass ich hätte heulen können… Aber ich war ja auch nur 50 Sekunden langsamer gelaufen, als von Jack Daniels vorhergesagt – ohne mich speziell darauf vorbereitet zu haben.

Vielen Dank nochmal an die Läufer vom SV Lembeck und besonders deren Trainer: ohne euch hätte ich das nicht geschafft.