Lesezeit: ca. 5 min

Bereits im Oktober hat Garmin wohl durchblicken lassen, dass sie in den Markt des „Laufens mit Watt“ einsteigen wollen. Seit gestern sind die technischen Möglichkeiten dafür geschaffen – und ich habe direkt einen Testlauf gemacht.

Voraussetzungen: Hardware

Das Spannende an Garmins Lösung ist, dass dazu keine neue Hardware notwendig ist. Besitzt man die notwendigen Gerätschaften also bereits, kann man direkt loslegen. Gleichzeitig ist diese Hürde aber nicht ganz ohne: eine Fenix 5/S/X oder eine Forerunner 935 muss es schon sein, gepaart mit ein HRM-Run- oder HRM-Tri-Brustgurt oder dem neuen Running Dynamics Pod.

Oder anders ausgedrückt: es wird eine Uhr benötigt, die mindestens Connect iQ Version 2.4 unterstützt und einen barometrischen Höhenmesser hat (das könnten in Zukunft natürlich auch noch andere Modelle sein). Und man braucht ein Device (von Garmin…), dass entsprechend detaillierte Daten zur Laufbewegung liefern kann.

Das Rechenmodell, das Garmin zur Ermittlung der Laufleistung bemüht, wurde nicht offengelegt. Aber in den Garmin Running Power App FAQs zeigt man zumindest auf, welchen Quellen für die Berechnung genutzt werden:

Datenquellen für die Berechnung

Datenquellen für die Berechnung

Interessant ist, dass man sogar den Wind berücksichtigt und dafür wohl Daten von umliegenden Wetterstationen benutzt. Angeblich werden diese über die App regelmäßig per Sync auf die Uhr gebracht. Ehrlich gesagt halte ich das aber für Quatsch: ob und welche Daten da genutzt werden, sind überhaupt nicht transparent. Und selbst wenn die Uhr mit den richtigen Daten rechnet, kann sie wohl kaum wissen, ob ich nicht sehr windgeschützt gelaufen bin (in der Stadt oder im Wald) und somit der Gegenwind keine Rolle spielte.

Der zweite kritische Faktor ist die Geschwindigkeit. Selbst bei perfektem GPS-Empfang ist das vielleicht nicht die gesichertste Quelle. Und ich kann so schon sagen auf welchen Teilstücken meiner Standard-Laufrunden Garmins Wattwerte nicht stimmen werden. Andererseits nimmt man zur Berechnung nicht zwingend GPS, sondern die angezeigte Geschwindigkeit – die also auch von einem gut kalibrierten Footpod kommen könnte (Stryd…? 😉 ).

Voraussetzungen: Software

Letztendlich kommt Garmins Running Power dann aber über ein Connect-iQ-Datenfeld auf die Uhr. Es stehen dabei fünf Varianten zur Auswahl:

Garmin Running Power Apps

Garmin Running Power Apps

Die Datenfelder unterscheiden sich durch die Anzeige, also ob einfach nur die aktuelle Power, die Durchschnitts-Power gesamt oder pro Runde auf der Uhr erscheint. Im Hintergrund wird aber in jedem Fall der ermittelte Watt-Wert ins Fit-File geschrieben – falls man das in den Optionen nicht deaktiviert hat.

Einstellung der Connect-IQ-App

Einstellung der Connect-IQ-App

Wie man sieht, hat Garmin Funktionen in die App eingebaut, die man (derzeit noch) bei Stryd vermisst. So kann man Power-Zonen definieren und sich die aktuelle Zone mit anzeigen lassen. Und man kann auch einen oberen und unteren Alarm einstellen. Ansonsten platziert man eines der Datenfelder einfach auf einem seiner Screens im Laufmodus und es kann los gehen.

Testlauf

Viele Daten konnte ich seit gestern noch nicht sammeln, aber zumindest einen ersten Testlauf konnte ich machen. Dabei hatte ich die Forerunner 935 und den HRM-Run im Einsatz. Zusätzlich habe ich auf Stryd nicht verzichtet und hatte auch dessen Power-Werte immer zum Vergleich im Display.

Links: #Garmin Running Power mit HRM-Run Rechts: #Stryd Power

Ein Beitrag geteilt von Thomas (@harlerunner) am

Ich war mir zunächst nicht sicher, ob sich die beiden Power-Datenquellen im Fit-File nachher nicht überschreiben werden, aber das ist nicht der Fall. Jede Datenreihe bekommt hier sauber einen eigenen Platz.

Garmin Connect (Stryd und Garmin Running Power)

Garmin Connect (Stryd und Garmin Running Power)

Bei diesem Lauf war allerdings keine der beiden Quellen so richtig perfekt, denn Stryd hat sich ein paar kleinere Peaks erlaubt, während die Garmin-Power häufig vom schlechten GPS-Empfang beeinflusst war. Aber auch so wird das grundsätzliche Problem sichtbar: die Zahlen sind nicht vergleichbar. Garmin liegt im Vergleich locker 30% über den von Stryd ermittelten Werten.

Zahlenspiele

Liegt Garmin mit seiner neuen Lösung für Running Power also leider daneben? So kann man das überhaupt nicht sagen. Das hat DC Rainmaker in seinem Beitrag auch ganz gut dargelegt. Keine der derzeit am Markt erhältlichen Systeme (dazu gehört auch noch Runscribe) wird beweisen können, dass seine Werte „richtig“ sind. Sie sind sicher alle auf Grund der getroffenen Annahmen, die zu dem Berechnungsmodell geführt haben, nachvollziehbar und hoffentlich auch in sich valide, was die Repräsentation der aufgewendeten Laufleistung angeht. Aber richtig in dem Sinne, wie ein Rad-Powermeter einen nachprüfbar richtigen Wert liefern kann, sind sie alle nicht – und können es auch nicht sein. Schließlich wird nicht gemessen, sondern auf Grundlage mathematischer Modelle berechnet.

Und die können sich durchaus unterscheiden. So geht man davon aus, dass Garmin und Runscribe die Gesamtarbeit mit einbezieht, die für die Laufbewegung notwendig ist. Dazu gehört zum Beispiel auch die Arbeit, die zur Bewegung der Arme aufgewendet wird. Stryd berücksichtigt wohl nur die externen Faktoren der Laufleistung – was die kleineren Zahlen vielleicht nachvollziehbar macht.

Andererseits ist es bei mir zum Beispiel so, dass ich mit den Formeln aus „Geheimnis des Laufens“ sehr gut die Werte nachvollziehen kann, die Stryd mir liefert. Die beiden Rechenmodelle scheinen also auf gleichen Annahmen zu beruhen – im Idealfall also auf der Physik. 😉

Ich bin jedenfalls gespannt, in welche Richtung sind das weiter entwickelt – und ob man sich auf einen gemeinsamen Standard wird einigen können. Im Moment läuft es darauf hinaus, dass man schön bei seinem „Watt-Dealer“ bleiben sollte und nicht zwischen den Anbietern wechseln.